Solarparks: Eine Gefahr oder Chance für Wildtiere?

Der neue Solarboom geht einher mit riesigen Flächenverlusten für die Nahrungsproduktion und die Wildlebensräume. Was das bedeutet.
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20. August 2023
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Solarpark-Huegellandschaft
Werden so die Grünflächen der Zukunft aussehen?
Solarparks schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Dieser Trend wird weiter an Fahrt gewinnen, denn das reformierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG 2023) sieht vor, die Solarenergie in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu verdreifachen – auf einer Fläche von bis zu 70.000 Hektar. Ursprünglich sollten Fotovoltaik-Freiflächenanlagen vorrangig entlang von Autobahnen, Bundesstraßen, Bahntrassen und auf Konversionsflächen (ehemalige Militärgelände und Flugplätze) gebaut werden. Doch mittlerweile stehen riesige Solarparks von bis zu 300 Hektar auf Agrarflächen. Die Größten entstehen derzeit im Osten, da hier deutlich größere zusammenhängende Flächen verfügbar sind. Es herrscht Goldgräberstimmung. Kein Wunder, denn die Landverpächter bekommen Pachtpreise, die weit über den mit Landwirtschaft erzielbaren Erlösen liegen – derzeit werden zwischen 1.000 und 3.000 Euro je Hektar geboten. Die Verpächter bekommen mehr als das Zehnfache der mit Landwirtschaft erzielbaren Erlöse.
... auch Mähroboter kommen zum Einsatz, um Solarparks von Bewuchs freizuhalten.
... auch Mähroboter kommen zum Einsatz, um Solarparks von Bewuchs freizuhalten.
Eine regelrechte Antragsflut gibt es in Brandenburg. Allein beim uckermärkischen Landratsamt stapeln sich Anfragen für Solaranlagen auf mehr als 2.000 Hektar Ackerboden. Der Landesbauernverband Brandenburg sieht diesen Flächenfraß vor dem Hintergrund des angespannten Getreidemarkts erstaunlich gelassen. Auf Anfrage teilte Pressesprecherin Meike Mieke mit: „Grundsätzlich ist es unser Anliegen, Flächen für die landwirtschaftliche Nutzung zu erhalten. Fotovoltaikanlagen können eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle für Landwirte sein. Wir akzeptieren daher deren Bestrebungen der Diversifizierung als Bestandteil unternehmerischen Handelns.“

Wälder sollen gerodet werden

Die Gigantomanie der Solarindustrie macht auch vor der Nutzung von Wäldern nicht Halt. Im brandenburgischen Hohensaaten in der Nähe von Bad Freienwalde sollen 370 Hektar Wald für ein Megaprojekt gerodet werden. Hinter dem Projekt steht die Lindhorst-Gruppe, ein niedersächsischer Agrarkonzern, der 2019 das ehemals militärisch genutzte Waldgebiet kaufte. Die Stadtverordneten von Bad Freienwalde gaben bereits grünes Licht. Sie versprechen sich Steuereinnahmen und halten den mit Altlasten kontaminierten Kiefernwald für ökologisch nicht wertvoll. Zu einer ganz anderen Einschätzung kommt der örtliche Revierförster. Der Wald habe sich zu einem Mischbestand entwickelt, so wie es die Politik mit Millionengeldern anstrebe. Er sei Kerngebiet eines Rotwildeinstands und Brutrevier für Seeadler, Schwarzstorch und Uhu.
Nicht nur Schafherden grasen auf den Flächen unter den Panelen und halten die Vegetation kurz, ...
Nicht nur Schafherden grasen auf den Flächen unter den Panelen und halten die Vegetation kurz, ...

Damit die gezäunten Bauwerke für die Wildtiere nicht vollständig verloren gehen, fordert der Deutsche Jagdverband einen wildtierfreundlichen Ausbau. Sie sollten mindestens alle 500 Meter von etwa 50 bis 60 Meter breiten Querungskorridoren durchzogen werden. Fachlich sinnvoll geplant und umgesetzt, könnten sie mit den Interessen des Naturschutzes in Einklang gebracht werden. Neu errichtete Anlagen müssen eine ordnungsgemäße Bejagung der Reviere weiterhin ermöglichen. Doch welche Auswirkungen und Folgen ergeben sich in der Praxis durch den Bau der grünen Kraftwerke für unser Wild? Wissenschaftliche Studien liegen dazu bisher kaum vor. uJ fragte daher betroffene Revierinhaber nach ihren Erkenntnissen und Beobachtungen.

Anlagen zerschneiden Landschaften

Die Errichtung von Fotovoltaik-Freiflächenanlagen geht mit einer weiteren Zerschneidung der Landschaft einher. Durch die eingezäunten Flächen entstehen vor allem für wandernde Arten Barrieren, die den Lebensraum beschränken und letztlich auch die bejagbare Fläche des jeweiligen Revieres. Entscheidend für die Minderung der Barrierewirkung sind die bereits erwähnten Durchlässe, die die riesigen Solarfelder teilen. Über die Breite der Wanderkorridore gehen die Meinungen auseinander. Als einfache Faustformel gilt: Je größer die Anlage, umso mehr und breitere Korridore. Das Wild nimmt die Durchlässe an, berichteten übereinstimmend alle befragten Revierinhaber. Es braucht aber einige Zeit der Gewöhnung, bis es vertraut durchzieht. Die Wildgassen erfüllen allerdings nur ihren Zweck, wenn sie möglichst störungsfrei gehalten werden, einschließlich Jagdruhe. In einem Sauenrevier in Sachsen-Anhalt übergingen die Jäger die profane Regel. Sie nutzen die Durchlässe als Zwangswechsel, setzten sich dort an und machten kurzzeitig reichlich Strecke. Doch ihre Ignoranz rächte sich doppelt. Sie hatten kaum noch Anblick, und bei den Nachbarn sorgte das für großen Ärger, die kein einziges Stück mehr vor die Büchse bekamen.

Solarparks sind aufgrund der dort erzeugten Hochspannung für Mensch und Tier keine ungefährlichen Orte.
Solarparks sind aufgrund der dort erzeugten Hochspannung für Mensch und Tier keine ungefährlichen Orte.
Der Bau von Solarparks auf ökologisch wertvollen Flächen sollte generell tabu sein. In Revieren, in denen dagegen verstoßen wird besteht durchaus die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. So wollte in Brandenburg ein Investor in einem artenreichen Feuchtgebiet eine Anlage bauen. Die Revierinhaber legten Widerspruch ein und hatten Erfolg. Wichtig ist es, sich rechtzeitig in die öffentliche Anhörung einzubringen. Die Planungsunterlagen liegen in den Gemeinden zur Einsicht aus und stehen häufig auch online zur Verfügung. Mit Erfolg agierten auch Revierpächter in Mecklenburg-Vorpommern. Dort stellte ein Kiesbetreiber den Antrag, auf einem Baggersee eine Schwimmplattform mit einer Solaranlage zu errichten. Die Jäger befürchteten nachhaltige Folgen für die Gewässerökologie und die Wasservogelbesätze. Die Gemeindevertretung folgte den Argumenten und lehnte das Vorhaben ab. Vermutlich hat die Ablehnung dem Kiesunternehmer am Ende noch viel Geld erspart. Denn eine ähnliche Versuchsanlage an der Ostseeküste erwies sich im wahrsten Sinne des Wortes als „Anschiss“. Kormorane hatten in kurzer Zeit die Kollektoren in Besitz genommen und mit einer dicken Kotschicht überzogen. Folge: Totalausfall.

Deutlicher Mehrwert für Niederwildreviere

Die Niederwildjäger haben auf Solarfelder eine ganz andere Sicht. Viele werten die von Herbiziden und Düngern freien Flächen mit ihrem reichlichen Äsungs- und Deckungsangebot als einen Zugewinn für ihre Reviere. Als Beleg führen sie ansteigende Besätze bei Hasen, Fasanen und sogar Rebhühnern an. Die Jäger der Hegegemeinschaft Tharandter Wald haben mit als erste die Chance erkannt, die ein Solarpark für die Niederwildhege bieten kann. Sie möchten in einer 20 Hektar großen Fotovoltaikanlage Rebhühner aussetzen und durch Blühstreifen die Insektenvielfalt erhöhen sowie den Beutegreiferdruck im Umfeld absenken.

Vorbildlich: Zwischen den Parzellen der Solaranlage hat der Betreiber einen breiten Streifen als Wildwechsel gelassen.
Vorbildlich: Zwischen den Parzellen der Solaranlage hat der Betreiber einen breiten Streifen als Wildwechsel gelassen.

Zur Finanzierung des Projektes gelang es den Sachsen, die Umweltbank mit ins Boot zu holen. „Nach äußerst zähen und langwierigen Genehmigungsverfahren stehen wir jetzt kurz vor dem Start“, hofft Peter Hermsdorf, der Leiter der Hegegemeinschaft. Ähnliche Absichten verfolgt auch der Landesjagdverband Baden-Württemberg. Allerdings mit dem Unterschied, bereits in der Planungsphase einzusteigen, damit der Betreiber wildtierfreundliche Strukturen berücksichtigt, wie mehrjährige Buntbrachen, Feuchtbiotope und die Eingrünung der Anlagen mit Hecken. „Zum anderen verfolgen wir das Ziel, dass der Investor viele dieser Maßnahmen als Ausgleichsflächen innerhalb der Solaranlage konzipiert. Der große Vorteil: Weniger Flächenverbrauch, weniger Zäune in der offenen Landschaft“, erklärt Rene Greiner, Niederwildexperte des Verbandes.

Solaranlagen aus jagdrechtlicher Sicht

Jagdrechtlich muss unterschieden werden, ob eine Solaranlage auf Flächen im Geltungsbereich eines Bebauungsplans oder im Außenbereich steht. Im ersten Fall gelten die Flächen bereits als befriedet. Aber auch im Außenbereich bedeutet es in der Praxis, dass eine jagdliche Nutzung nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt möglich ist. Die Behörde kann durch Verordnung auch im Außenbereich eine Befriedung dieser Flächen und damit die Jagdruhe in Erwägung ziehen. Allerdings muss sie bei ihrer Entscheidung mögliche schwerwiegende Rechtsfolgen beachten, wie den Untergang eines gemeinschaftlichen Jagdbezirk oder einer Eigenjagd durch den Verlust der Mindestgröße. Jagdpächtern eines Pachtvertrages, die diese Flächen noch für eine uneingeschränkte Jagdausübung gepachtet haben, dürfte aufgrund der eingeschränkten Nutzungsmöglichkeit ein Pachtminderungsanspruch gegenüber dem Verpächter zustehen. In besonders folgenschweren Fällen, zum Beispiel weil das Kernstück des Revieres wegfällt, kann sogar die Vertragskündigung durch den Jagdpächter in Betracht kommen (Wegfall der Geschäftsgrundlage nach 242 BGB).

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