Silvesterstress: Wie reagieren Wildvögel auf Feuerwerk?

In der Nacht zum Jahreswechsel zünden Millionen Menschen Feuerwerkskörper: Böller, Raketen, Lichtblitze. Wie reagieren Wasservögel darauf?
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29. Dezember 2022
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Stress im Winter kostet Flugwild zusätzlich Kraft und zehrt an ihren Energiereserven.
Stress im Winter kostet Flugwild zusätzlich Kraft und zehrt an ihren Energiereserven.

Fast flächendeckend breitet sich in der Silvesternacht das Feuerwerk aus, viele Tiere geraten in Panik. Vögel und andere Wildtiere sind diesem Spektakel schutzlos ausgeliefert. Das laute Knallen der Böller und der Lärm sowie die Lichteffekte der Raketen lösen Angstreaktionen aus. Häufig kommt es zu Hörschädigungen oder sogar Hörverlust. Vögel können Explosions- oder Knalltraumata erleiden und dadurch flugunfähig werden. Viele werden durch die Lichtblitze am Himmel geblendet und können so Hindernissen kaum mehr ausweichen.

Stress kann im Winter lebensbedrohlich für Vögel und andere Wildtiere sein

So geschah es Anfang 2021: Obwohl in Rom ein Böllerverbot herrscht, kamen in der Silvesternacht hunderte Stare zu Tode. Zahlreiche Bewohner hatten das Verbot missachtet und die Vögel waren aus Panik gegen Freileitungen und Fensterscheiben geflogen. Das gleiche Problem haben Wildtiere im Wald, von denen gerade im Winter viele ihren Stoffwechsel auf ein Minimum reduzieren. Jede Flucht ist deshalb äußerst mühselig und kostet wichtige Energie. Zwar dämpft der Wald das Grollen der Feuerwerke, aber gerade in der Silvesternacht läuft das Wild Gefahr, auf der Flucht ein Opfer des Straßenverkehrs zu werden.

Willem Bouten von der Universität Amsterdam untersuchte 2013 als Erster die Auswirkungen der Silvesternacht auf Singvögel. Hierzu werteten er und sein Team die Daten des niederländischen Wetterdienstes aus, denn das Wetterradar registriert auch Vogelflugbewegungen. Für die Silvesternacht fand Bouten dramatische Unterschiede zu anderen Nächten. Statt der normalen Nachtruhe irrten tausende Vögel die ganze Nacht umher und fanden keine Ruhe. Oft flogen sie bis zur totalen Erschöpfung. Lärm, das flackernde Licht, johlende Menschen – das alles stresst die Tiere extrem. Während sie im Normalfall selten höher als 100 Meter Flughöhe erreichen, flogen sie durch den Schreck bis zu 1.000 Meter hoch. Stress kann jedoch besonders in den Wintermonaten lebensbedrohlich sein, da viele Tiere ihren Kreislauf herunterfahren, um Energie zu sparen. Fluchttiere sind von dem Stress und der Panik besonders betroffen, da sie vertrieben werden und oftmals lange Zeit nicht zurückkehren. Und: Wohin fliehen, wenn der Krawall allumfassend ist?

Aufgrund der Erfahrungen mit Haustieren und auch Wildtieren in den städtischen Bereichen mahnen Tier- und Vogelschutzinitiativen alljährlich zu weniger Feuerwerk, um die Tierwelt zu schonen. Doch erhält die Diskussion durch eine aktuelle Fachveröffentlichung gerade jetzt neuen Auftrieb.

GPS-Daten zeigen verhalten der Vögel an Silvester

Wie arktische Wildgänse in und um die Silvesternacht reagieren, zeigt jetzt eine neue Studie, die Wissenschaftler aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden im November 2022 vorgestellt haben. Dabei wurden Daten von Bläss-, Saat-, Kurzschnabel- und Weißwangengänsen ausgewertet. Die Vögel trugen Sender und lieferten GPS-Daten. Diese zeigen, wie stark die Reaktionen der Wildvögel auf Silvester-Feuerwerke in Westeuropa sind. Die Folgen sind noch Tage nach Neujahr zu sehen. Über 700 Bewegungsprofile von 347 Individuen wurden ausgewertet. Möglich wurde dies durch ein Datenportal im Internet: movebank.org. In diesem Internetportal laufen fast alle Daten von besenderten Tieren weltweit zusammen. Aktuell umfasst diese einmalige Datenbank mehr als 5.900 Senderprojekte mit mehr als 5,6 Milliarden Datensätzen. So sind Analysen und internationale Auswertungen von ganz neuen Dimensionen möglich.

Gerade Dezember und Januar sind für die grasfressenden Gänse problematisch: Die Tageslänge reicht kaum aus, um ausreichend Nahrung zur Deckung des Energiebedarfs zu finden. Die Feuerwerksnächte bedeuten zusätzlichen Stress. Rund ein Viertel der besenderten Gänse ergriff vor den Lichteffekten und dem beunruhigenden Geböller weiträumig die Flucht. Sie flogen in der Silvesternacht fünf bis 16 Kilometer mehr als in den Nächten davor. Einige Gänse legten Strecken bis zu 500 Kilometer zurück. Zusätzlich flogen sie deutlich höher als während des restlichen Winters. Durchschnittlich wählten sie ihre Flughöhen rund 100–200 Meter höher als normal. Spitze waren Höhen von bis zu 700 Meter.

Normalerweise rasten Gänse die gesamte Nacht auf einem Schlafgewässer. Zu diesem Gewässer kehren sie mehrere Nächte in Folge zurück. In der Silvesternacht hingegen ruhten die besenderten Tiere bis zu zwei Stunden weniger, wechselten die Schlafgewässer und kehrten für mehrere Wochen nicht zu dem ursprünglichen Schlafplatz zurück. Durch den freien Verkauf von Böllern und Raketen erleben die Vögel fast ganz Mitteleuropas ein flächendeckendes Feuerwerk. Es gibt keine Rückzugsräume. Zwar stehen zumindest die Schlafplätze der Zugvögel als besonders schützenswerte Lebensraumelemente unter dem speziellen Schutz der EU-Vogelschutzrichtlinie, doch gibt es keine Bannmeilen um wichtige Schlafplätze.

Zusammenhang Feuerwerk und FLucht und ihre Folgen

Die neue Studie zeigt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen menschlicher Siedlungsdichte, Feuerwerksintensität und Störintensität der Gänse gibt. Die Intensität von Feuerwerk lässt sich aus der Feinstaubkonzentrationen in der Luft ermessen. Diese war während der Silvesternacht nahe allen untersuchten Gänseschlafplätzen um bis zu 650 Prozent erhöht. Die Schlafplätze, welche die Gänse nach Silvester nutzten, waren häufiger in einsamen Gegenden zu finden. Es ist damit sicher, dass die Wildgänse aktiv vor intensiver Feuerwerksaktivität flohen und ruhige Gebiete aufsuchten. Die zusätzliche Flugaktivität kostet viel Energie, weshalb die Gänse in den ersten zehn Tagen nach Silvester zehn Prozent mehr Zeit für die Nahrungssuche aufwenden, um ihre Reserven wieder aufzufüllen.

Ebenfalls zeigt die Auswertung, dass eine Reduzierung von Feuerwerk keine Besserung bewirkt. Der Vergleich verschiedener Winter zeigt es: Silvester 2020/21 waren Feuerwerke wegen der Corona-Pandemie vielerorts verboten. Nicht alle hielten sich an die Verbote, aber insgesamt wurde weniger geknallt. Dennoch zeigten die Bläss- und Saatgänse vergleichbar heftige Reaktionen wie in den Vorjahren. Für sie gab es keinen Unterschied zwischen einem oder mehreren Böllern.

Silvesterstress

Die arktischen Gänse kommen im Herbst auf der Flucht vor Eis und Schnee zu uns in die gemäßigten Breiten. Gerade Dezember und Januar sind für die grasfressenden Gänse problematisch: die Tageslänge reicht kaum aus, um ausreichend Nahrung zur Deckung des Energiebedarfs zu finden. Zusätzlich kommt es um die Silvesternacht zu deutlichen Verhaltensänderungen.

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