Jagdgesetz-Entwurf: Das sagt der Landesjagdverband Brandenburg

Die geplanten Änderungen des Jagdgesetzes in Brandenburg sorgen für zahlreiche Diskussionen. LJV-Präsident Dr. Dirk-Henner Wellershoff erläutert die Hintergründe.
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Hochsitz-im-Gegenlicht
Die geplanten Änderungen hätte weitreichende Auswirkungen auf die Jagd.

PIRSCH: Was sind Ihre größten Kritikpunkte an der geplanten Landesjagdgesetznovelle?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Minister Vogel versucht, uns weiß zu machen, Klimaschutz könne auch über das Jagdgesetz aktiv betrieben werden, ja sogar werden müssen. Entgegen der Behauptung des Ministers gehören Wild und Wald in der Kulturlandschaft zusammen. Und schon gar nicht können sie gegeneinander ausgespielt werden, so wie es Minister Vogel tut. Ein Beispiel: Minister Vogel will die Mindestgröße für Jagdreviere von 150 Hektar auf 10 absenken. In solchen Minirevieren, das sind gerade mal zehn Fußballfelder, wäre eine flächendeckende, und somit ökologisch sinnvolle, Bejagung unmöglich. Statt wie bisher 4.000, gäbe es künftig 20.000 Jagdbezirke in Brandenburg. Das fördert die Bürokratie, hilft Wild, Wald und Klima aber nicht."

PIRSCH: Gibt es vonseiten des Landesjagdverbands Gegenvorschläge? Was sind Ihre zentralen Forderungen?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Die Landnutzerverbände des Forums Natur Brandenburg hatten bereits 2020 einen Vorschlag zur Novellierung des Gesetzes unterbreitet, der von allen betroffenen Landnutzerverbänden mitgetragen wird. Wir fordern den Referentenentwurf des Umweltminister Vogel nicht zu verhandeln und zurückzuweisen, das bestehende Jagdgesetz entsprechend der Koalitionsvereinbarung zu novellieren, den Novellierungsvorschlag des Forum Natur Brandenburg als wesentliche Grundlage für die Überarbeitung des Landesjagdgesetzes zu berücksichtigten, eine strikte Trennung der Obersten Jagd- und Forstbehörde zu vollziehen und die Jagdabgabe in ihrer bewährten Form zu erhalten. Weiterhin die Jagd als gesellschaftliches und kulturelles Gut zu schützen, den vorrangigen Zweck der Hege zur Erhaltung eines angepassten, artenreichen und gesunden Wildtierbestand bei gleichzeitiger Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen anzuerkennen, dass Waldumbau und Wiederaufforstung mit Wild zu gestalten sind, die bislang jagdbaren Arten im Jagdgesetz bleiben, den Wolf in das Jagdrecht zu übernehmen, das bewährte jagdgenossenschaftliche Revierjagdsystem unverändert mit den bestehenden Mindestgrößen beizubehalten, die bisherigen gesetzlichen Regelungen zur Jagdpachtfähigkeit zu erhalten."

PIRSCH: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass die Landesregierung Brandenburg auf Ihre Vorschläge eingeht?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Wir haben die Initiative „Wild. Wald.Wir.“ gegründet, die sich dafür einsetzt, dass eine geplante Novelle des Gesetzes waidgerecht, ökologisch und sozial ausgewogen erfolgt. Diese Initiative wird vom Forum Natur Brandenburg getragen. Wild.Wald.Wir. steht über die beteiligten Organisationen für 200.000 Mitglieder. Wir sind davon überzeugt, dass die Landesregierung diese starke Stimme für den ländlichen Raum wahrnimmt und zum Dialog auf Augenhöhe bereit ist. Die Umsetzung eines neuen Jagdgesetzes, ohne die Jäger des Landesjagdverbandes Brandenburg einzubinden, kann nicht funktionieren."

Wellershoff-Portraet
Präsident des LJV Brandenburg: Dr. Dirk-Henner Wellershoff.

PIRSCH: Ist unter diesen Umständen die richtige Zeit, eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht zu fordern?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Der Wolfsbestand in Brandenburg steigt drastisch. Zwischen 700 und 1000 Individuen leben bereits in Brandenburg und hat somit die weltweit höchste Wolfsdichte. Knapp 1200 bestätigte Nutztierrisse im Jahr 2021 sprechen Bände. Eine Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht ist längst überfällig."

PIRSCH: Ist der Landesjagdverband zu weit weg vom politischen Geschehen bzw. vom zuständigen MLUK?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Wir haben hervorragende Kontakte zur Politik auf Landes- und auf Bundesebene, aber einen grünen Minister und eine Oberste Jagd- und Forstbehörde, die Jagd in Brandenburg nicht versteht, nicht verstehen möchte und alles daransetzt, unsere Ziele auf das geringste zu reduzieren.

PIRSCH: Sie waren bei der Kritik an den ASP-Zäunen wenig diplomatisch. Wie sehr hat Ihnen das bzw. dem Jagdverband geschadet?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Die Kritik hat nicht geschadet und war notwendig. Wenn Politik vollkommen beratungsresistent ist, muss man deutlich werden. Erst unsere Kritik hat zum notwendigen Zaunbau geführt. Die Zusammenarbeit mit den Landkreisen war und ist hervorragend. Die derzeit ASP-betroffenen Bundesländer tragen die alleinige Verantwortung, eine Ausbreitung der ASP auf das weitere Bundesgebiet zu verhindern. Den Akteuren vor Ort muss daher jede Unterstützung zugesagt und nicht verwehrt werden."

PIRSCH: Wer sind Ihre größten Widersacher? Und wie gehen Sie mit Ihnen um?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Es ist erstaunlich, welch bundesweite Brisanz der Jagdgesetzentwurf von Minister Vogel hat. Tierschutzvereine haben sich bei uns gemeldet und ihre bedingungslose Unterstützung angeboten, die wir natürlich gerne annehmen. Aktuell haben wir den sogenannten Ökologischen Jagdverein Berlin Brandenburg mit rund 300 Mitgliedern, die diesen Gesetzesentwurf unterstützen und keine Möglichkeit auslassen, unseren 10.000 Mitglieder starken Landesjagdverband und deren Mitglieder zu diffamieren und als „Altherrenclub“ zu bezeichnen. Wir geben dieser Minderheitenvertretung keine Bühne."

PIRSCH: Welche Naturnutzer/Verbände unterstützen Sie? Was haben Sie getan, um diese ins Boot zu holen?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Alle Verbände des Forums Natur Brandenburg (Waldbesitzerverband Brandenburg e.V., Landesbauernverband Brandenburg e.V., Landesanglerverband Brandenburg e.V., Landesfischereiverband Berlin/Brandenburg e.V., Familienbetriebe Land- und Forst Brandenburg e.V., Landesjagdverband Brandenburg e.V.), der Deutsche Jagdverband, die Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer, der Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler, die Deutsche Wildtierstiftung, der Internationaler Rat zur Erhaltung der Jagd und des Wildes (CIC) und viele große Unternehmen sowie weitere Institutionen."

PIRSCH: Was können die Brandenburger Jäger tun, um Ihren Forderungen mehr Gehör zu verschaffen?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "In den vergangenen Tagen und Wochen fanden bereits unzählige politische Gespräche statt, an denen unsere Jägerschaft aktiv beteiligt war. Es ist aktuell von besonderer Bedeutung, dass die Brandenburger Politik bemerkt: Wir sind viele! Bald starten wir mit einem Briefgenerator, um genau dieses Zeichen zu senden."

PIRSCH: Müssten die Jäger nicht schon lange auf der Straße stehen und gegen die geplanten Änderungen wie vor Jahren in Nordrhein-Westfalen demonstrieren?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Nein. Wir möchten den handelnden Akteuren die Möglichkeit geben, sich davon überzeugen zu lassen, dass ein rein ideologisch geprägter Gesetzesentwurf, der ausschließlich persönliche Zwecke bedient, in Brandenburg keine Unterstützer findet. Sollte es jedoch dazu kommen, benötigen wir Jägerinnen und Jäger aus dem gesamten Bundesgebiet. Wenn dieser Gesetzesentwurf verabschiedet werden sollte, ist es ein Startschuss, um diesen auf andere Bundesländer auszurollen. Damit wäre weidgerechte-, tierschutzkonforme- und wildbiologische Schalenwildbewirtschaftung nicht mehr möglich."

PIRSCH: Welche Rolle spielt der Deutsche Jagdverband? Macht der in Ihren Augen genug, um die drohende Katastrophe abzuwenden?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Der DJV unterstützt unsere Bemühungen, den Referentenentwurf vom Tisch zu bekommen, aber die Verantwortung liegt natürlich bei uns."

PIRSCH: Was sind Ihre Ziele der kommenden sechs Monate?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Mit der beschlossenen Empfehlung des Landjagdbeirates, den vorliegenden Entwurf zurückzuziehen wurde bereits ein Etappensieg erzielt. Minister Vogel muss mit den betroffenen Landnutzern in den Dialog gehen. Wir werden daher unsere Kampagne weiter intensivieren."

PIRSCH: Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?

Dr. Dirk-Henner Wellershoff: "Am 14. Mai 2022 veranstalten wir ein bundesweites Fachsymposium. Mit dieser Veranstaltung wollen wir uns dem vorliegenden Referentenentwurf wissenschaftlich nähern. Lässt sich das zuständige Ministerium und die Brandenburger Politik nicht von sachlichen-, fachlichen- und wissenschaftlich belegten Argumenten überzeugen und verfolgt weiterhin ideologische Wahnvorstellungen, wird die Jägerschaft und der ländliche Raum auf die Straße gehen."

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