Wildtiere und Stress: Welche Auswirkungen gibt es?

In Zeiten des „Burn-outs“ wird intensiv über den negativen Einfluss von Stress diskutiert. Wie wirkt er auf Wildtiere in der Natur?
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11. November 2022
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Ricke-Geiß-Flucht

Meistens spricht man von Stress als eine Abwehrreaktion auf äußere Reize. Diese Reaktion dient dazu, in Gefahrensituationen den Körper kurzfristig in Alarmbereitschaft und auf Höchstleistung zu bringen. Das Gehirn sorgt dafür, dass der Körper mit Botenstoffen überflutet wird. Die ausgeschütteten Hormone erhöhen den Blutzuckerspiegel und leiten diese Energie in Muskelbereiche, die für eine schnelle Reaktion besonders wichtig sind. Der vom Luchs angejagte Rehbock kann so seine volle Energie in die Flucht stecken. Ist die direkte Gefahrensituation vorbei, reguliert sich der Körper schnell wieder in den Normalzustand. Kurzfristiger Stress ist als solches also nicht per se schlecht. Dieselben Hormone werden z.B. auch in anderen „stressigen“ Situationen wie der Brunft, der Paarung und beim Beutemachen ausgeschüttet.

Dauerhafter Stress kehrt positive Reaktion um

In der kurzfristigen Form handelt es sich bei Stress also um eine ganz natürliche Reaktion. Erst bei dauerhaftem Stress wird der positive Effekt zum negativen. Die Energie, die in die Muskeln und ins Gehirn umgeleitet wurde, fehlt dann dem Immunsystem und den Fortpflanzungsorganen. Wie gut ein Tier damit umgehen kann, hängt dabei von Faktoren wie Körpergewicht, Alter, Geschlecht, Jahreszeit und Gewöhnung ab.

Wie gestresst reagiert also Schalenwild auf den menschlichen Jagddruck und wie auf die Rückkehr von Großräubern? Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten: Das erste Szenario ist eine Verhaltensveränderung, bei der z.B. Rotwild dem Jagddruck ausweicht, indem es in schlecht einsehbaren Beständen steht und erst nachts auf die Freiflächen zieht. Der Stresshormonpegel muss dabei nicht erhöht sein. Jagt ein Wolf dann ein Stück an, kommt es zu einer kurzen Stressreaktion im direkten Zusammenhang mit dem Angriff und der Flucht. Überlebt das Stück, reguliert der Körper den Hormonspiegel innerhalb kurzer Zeit wieder auf ein normales Niveau.

Es ist in diesem Fall zwar nicht dauerhaft gestresst, aber es kann indirekt über die kürzere Äsungsdauer negativ beeinflusst werden. In einer amerikanischen Studie konnte z.B. kein Einfluss der Wolfsdichte auf die Stresshormonlevel von Wapitis nachgewiesen werden. Trotzdem hatten bei höherer Wolfsdichte weniger Alttiere inne als bei niedriger Wolfsdichte – ein indirekter Effekt der Prädation. Beim zweiten Szenario führen Angriff und Flucht zu einer dauerhaften Verhaltensänderung: Das Alttier erwartet den nächsten Angriff jederzeit und steht so ständig unter Anspannung. Das Stresslevel ist entsprechend längerfristig erhöht und führt zu einer direkten Schädigung des Tiers.

Keine pauschalen Antworten

Zwei Studien aus Polen und Schweden zeigen, wie komplex die Beantwortung dieser Fragen ist. In der polnischen Arbeit verglich man Losung von Rot- und Rehwild aus drei unterschiedlichen Gebieten: Im ersten Areal jagten Wölfe, im zweiten Wölfe und Luchse und im dritten nur der Mensch. Das Ergebnis überraschte: Die in der Losung gefundenen Abbauprodukte der Stresshormone zeigten ein niedrigeres Stresslevel in den Gebieten mit Wolf und Luchs. Der menschlich bedingte Stress durch Faktoren wie Jagd, Straßenverkehr und Besiedlung hatte einen stärkeren Einfluss als die Anwesenheit von Wolf und Luchs. Indirekte Effekte der Prädation auf die Wildbretgewichte oder die Fortpflanzung wurden in diesem Fall aber nicht untersucht.

In der schwedischen Studie fing man über 300 Rehe in Kastenfallen und maß ihre Stresshormonantwort. Die Wissenschaftler verglichen dabei zwei Gebiete: Das eine ist dicht besiedelt und nur der Mensch übt Jagddruck aus. Im zweiten Gebiet gibt es weniger Menschen, dafür auch Wolf und Luchs. Die gefangenen Rehe reagierten im Schnitt mit einer 30-%ige höheren Ausschüttung von Stresshormonen, wenn im Gebiet Wolf und Luchs vorkamen. Diese Ergebnisse sprechen für einen dauerhaften Einfluss. Besonders spannend war aber der zweite Teil dieser Untersuchung: Man untersuchte in denselben Gebieten frisch gesetzte Rehkitze, die selbst noch keine Erfahrungen mit Wolf oder Luchs gemacht hatten. Die Kitze im Untersuchungsgebiet mit Prädatoren zeigten trotzdem bereits eine um etwa 30 Prozent erhöhte Stressantwort. Chronisch gestresste Ricken übertragen dieses Reaktionsmuster offensichtlich bereits während der Tragzeit auf das noch nicht gesetzte Kitz. Der Einfluss von Prädatoren kann so sogar Generationen überspringen.

Verschiedene Stress-"Charaktere"

Und noch ein weiteres spannendes Ergebnis lieferte die Studie. Die einzelnen Rehe unterschieden sich individuell stark in ihrer Stressreaktion. Es gab Rehe, die auch nach dem fünften Wiederfang in der Falle stark gestresst waren. Andere Rehe blieben beim Fang „cool“ und zeigten sich kaum beunruhigt. Es gibt also auch im Hinblick auf die Stresstoleranz unterschiedliche Typen/Charaktere. Dieses Verhalten bleibt ein Leben lang festgelegt. In unserem jagdlichen Alltag kennen wir solche Stücke, die auch bei bestem Büchsenlicht vertraut auf der Wiese stehen bleiben und in aller Ruhe äsen. Sollte sich dieses Verhalten auf die nächste Generation übertragen, laufen wir dank schnellem Zeigefinger Gefahr, solche vertrauten Stücke über Generationen herauszuselektieren und Stücke mit einem erhöhten Stresslevel und einem Einstand in der Dickung zu fördern.

Rehe in der Zwickmühle

Was aber führt zu chronischem Stress? Der Jagddruck durch uns Menschen oder Goldschakal, Wolf und Luchs? Möglicherweise spielt gerade die Kombination aus Jagddruck und Prädation eine entscheidende Rolle. Versucht sich ein Reh, optimal an uns Jäger anzupassen, so steigt seine Überlebenswahrscheinlichkeit, wenn es nachtaktiv wird, offene Flächen meidet und sich während der Jagdzeit möglichst wenig zeigt. Um dem Luchs zu entkommen, sollte es sich hingegen gerade auf Offenflächen aufhalten und die Deckung meiden. Jagen beide Prädatoren im selben Gebiet, kann das Reh die Gefahr nicht mehr optimal vermeiden.

Es wird also schwer sein, die Schuld bei nur einem Faktor zu suchen, wenn unser Wild einer Vielzahl von Umwelteinflüssen ausgesetzt ist. Die Summe von Stressfaktoren, die auf Reh und Hirsch einprasselt, kann jedoch irgendwann zu viel sein. Realistisch haben wir Jäger mit unserer Art der Bejagung und den Schonzeiten (gesetzlich genauso wie freiwillig) die beste Möglichkeit, wenigstens zeitweise Druck aus diesem System herauszunehmen.

Wie wird Stress gemessen?

Bis vor wenigen Jahren war Stress bei Wildtieren nicht messbar – zumindest nicht, ohne die Tiere durch die Messung erst richtig zu stressen. Eines der wichtigsten Stresshormone ist das Cortisol, dessen Produktion durch Hormone im Gehirn reguliert und bei akuter Belastung aus der Nebennierenrinde freigesetzt wird. Wissenschaftler mussten die Tiere früher für eine Messung erst fangen und ihnen dann Blut abnehmen. In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die Wildtierforschung deshalb auf eine Methode, bei der die Tiere nicht beeinflusst werden. Da der Körper das Stresshormon abbaut, sind die Abbauprodukte in Haaren und Federn und auch in der Losung nachweisbar. Über eine frisch gefundene Rotwildlosung ist es also möglich, auf den Stresszustand des Stücks in den vergangenen zwölf bis 48 Stunden zu schließen. Für eine Interpretation der Ergebnisse muss man allerdings zuerst die natürliche Schwankung des Hormonspiegels im Jahres- und Tagesverlauf messen. Man muss erst wissen was „normal“ ist, um dann zu erkennen, ob die Tiere darüber hinaus erhöhten Stress erleben. Robin Sandfort

Setzen gestresste Alttiere mehr Wildkälber?

Die Forschung hält noch mehr Überraschungen für uns Jäger bereit: Die mütterliche Produktion von Stresshormonen kann das Geschlechterverhältnis von Kälbern und Kitzen schon vor dem Setzen verändern! Männliche Embryonen reagieren bereits im Tragsack empfindlicher auf Veränderungen dieser Hormone und sterben eher ab als weibliche Embryonen. Es würden dann mehr weibliche Stücke gesetzt, die bereits zu diesem Zeitpunkt selbst eine veränderte Stressreaktion zeigen. Robin Sandfort

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