Kitzbejagung ab August: Jagdzeiten für Rehwild auf dem Prüfstand

Immer längere Jagdzeiten für Rehwild: Doch macht eine Bockbejagung ab April und eine Kitzbejagung ab August wirklich Sinn?
|
01. September 2022
Jetzt ein Kommentar verfassen
Image
Von den Rehkitzen schauen nur die Häupter aus dem grünen Blätterwald raus.
Von den Rehkitzen schauen nur die Häupter aus dem grünen Blätterwald raus.

Seit Jahrzehnten wird versucht, das sogenannte Wald-Wild-Problem durch immer längere Jagdzeiten, Abschaffung von Abschussplänen und stetig steigende Abschusszahlen zu lösen. Richtig funktioniert hat das im Sinne der Wald-vor-Wild Lobby nicht, sonst würde deren Lamento nicht immer noch lauter werden. Aber gibt es eine Lösung?

Zunächst sollte man sich vergegenwärtigen, mit welcher Art von Problem man es tatsächlich zu tun hat. Wald und Wild als Teil eines Ökosystems haben Jahrtausende ohne Problem zusammengelebt. Problematisch wurde es erst, als der Mensch unterschiedliche Nutzungsinteressen am Wald ins Spiel gebracht hat. Selbstverständlich muss in unserer Kulturlandschaft ein Ausgleich zwischen den Interessen des Menschen an der Flora des Waldes, meist sind es ökonomische, und den Bedürfnissen des Wildes bzw. der gesamten Fauna versucht werden. Dazu gehört vieles, was man unter dem Etikett Wildtiermanagement subsummieren kann.

Abschaffung des Abschussplans für Rehwild

Und dass Jagd ein wichtiges Instrument dieses Wildtiermanagements darstellt, sollte eigentlich unumstritten sein. Die gegenwärtigen Diskussionen um Wald und Wild kreisen deshalb auch meist um die Frage, wessen Interessen den höheren Stellenwert haben sollen. Immer weitere Jagdzeitenverlängerung, durch enormen Jagddruck realisierte Streckenrekorde und Aufhebung aller wildbiologisch sinnvollen Instrumente sind erwiesenermaßen nicht die Problemlöser. Welche Folgen die Abschaffung des Abschussplans für Rehwild und die Verlängerung der Jagdzeit auf den Rehbock hatte, lässt sich in Brandenburg in den Jagdberichten des Landes nachlesen. Die Rehwildstrecke ist entgegen aller „Hoffnungen“ nicht gestiegen, obwohl nun auf den herbstlichen Drückjagden jedes Reh „ohne Ansehen der Person“ erlegt werden kann. Das Geschlechterverhältnis der Jagdstrecke hat sich hin zu mehr männlichem Wild verschoben. Kurz gesagt: Schuss in den Ofen. Und nun wird an verschiedenen Stellen die Erlegung von Kitzen bereits ab August erprobt oder diskutiert. Ob sich das Wald-Wild-Problem so lösen lässt? Wohl kaum.

Kitze werden in Mitteleuropa etwa mit 1,1 bis 1,5 kg gesetzt. Bis zum Alter von drei Wochen kann das Gewicht auf knapp über 3 kg zunehmen.

Tabelle
Mittlere Rehwildgewichte aufgebrochen (kg) kombiniert nach verschiedenen Autoren.

Laut Tierschutzgesetz braucht es einen vernünftigen Grund für das Töten eines Tieres. Wenn heutzutage oft die Verwertbarkeit der Jagdbeute als vernünftiger Grund und vorrangige Begründung für die Erlegung eines Stückes genannt wird, sprechen die Zahlen der Grafik doch eine eindeutige Sprache. Im November gestreckte Kitze haben etwa 4 kg mehr (aufgebrochen) als solche, die bereits im August erlegt werden. Nach dem November sinken die Gewichte tendenziell eher leicht und bleiben bis zum Frühjahr auf etwa gleichem Niveau, was dem Äsungsengpass außerhalb der Vegetationsperiode geschuldet ist. Schon alleine deshalb sollte also spätestens Ende Dezember die Jagdzeit auf Rehwild, und übrigens auch auf anderes wiederkäuendes Schalenwild, ein Ende finden. Unsere Wildwiederkäuer beginnen um die Wintersonnenwende unabhängig von der jeweils aktuellen Witterung mit einem anatomisch-physiologischen Umstellungsprozess, der Energieeinsparung im Zeichen des knappen Äsungsangebots zum Ziel hat. Ruhe, also Einschränkung der lokomotorischen Aktivität, ist wichtig, um dieses Ziel zu erreichen. Jagdliche und andere Beunruhigungen führen in dieser Zeit zu Stress und damit zu erhöhtem Äsungsbedarf. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen. Alleine ob ein Reh steht oder sich niedergetan hat, macht in der Wärmefreisetzung (Energieumsetzung) einen großen Unterschied. Stehende Rehe setzen über 20 Prozent mehr Energie um frei als liegende. Schon geringfügige Bewegungen steigern den Energieumsatz um 100 Prozent. Hektische Ausweichbewegungen oder gar Flucht führen zu einem Energieumsatz, der gegenüber dem Ruhezustand um 200 Prozent gesteigert ist.

Aktivitätsabhängiger Energiebedarf

Der Energiebedarf ruhenden ungestörten Rehwildes beträgt täglich knapp über 4.000 kJ. Bei Störungen und damit einhergehender höherer Bewegungsaktivität kann der Energiebedarf auf 17.000 kJ steigen. Diese Zusammenhänge werden auch sehr deutlich, wenn man sich die Mittelwerte der Dauer der täglichen Äsungsaufnahme beim Rehwild ansieht. Von November bis März sind das 190 Minuten im Tagesmittel. Das ist der absolut niedrigste Wert im ganzen Jahr und korrespondiert, wie zu erwarten war, mit dem Energiesparmodus zu dieser Zeit. Im April und Mai steigt der Wert nach Beendigung des Wintersparbetriebs bis auf 314 Minuten, was nur noch vom Wert für September und Oktober mit 335 Minuten übertroffen wird. Den hohen Herbstwert kann man als den Versuch interpretieren, sich vor dem Winter noch Energiereserven im Sinne einer Feistzeit anzulegen. Von Juni bis August nehmen Rehe täglich 270 Minuten lang Äsung auf. Diese eher technisch klingenden Zahlen bedeuten, dass gestresste Rehe ihren höheren Energiebedarf durch vermehrte Äsungsaufnahme kompensieren. Und das bedeutet bei Rehen im Wald nichts anderes als höheren Wildschaden. Ein einfaches Rezept, um im Winter Wildschäden durch Rehe (und Rotwild) im Wald möglichst gering zu halten, besteht also darin, die Stücke in dieser Zeit in Ruhe zu lassen! Wie „gefährlich“ für den Wald die Rehwildjagd bereits im April sein kann, lässt sich auch aus der Grafik ablesen. Erst im Mai, also nach Beginn der Vegetationsperiode, steigen die Gewichte wieder an. Die mit leeren Energiespeichern aus dem Winter kommenden Rehe stürzen sich auf das frische Grün, das vor allem auf Freiflächen sprießt. Werden sie durch Jagd vertrieben, müssen sie ihren Hunger andernorts stillen, nämlich dort, wo nicht gejagt werden kann, in dichter Vegetation. Bejagung des Rehwildes im April an den falschen Stellen provoziert also genau die Wildschäden, deretwegen sie bereits so früh bejagt werden „müssen“.

<b>2 60 Prozent des Abschusses sollten in der Jugendklasse (Kitze, Jährlinge) getätigt werden.</b>
2 60 Prozent des Abschusses sollten in der Jugendklasse (Kitze, Jährlinge) getätigt werden.

Sicher, die hier vorgestellten Zahlen stellen Mittelwerte dar und reflektieren nicht die lokalen und individuell möglichen Schwankungen in allen Einzelheiten. Die Tendenz jedoch ist eindeutig und spricht dagegen, Kitze schon im August zu bejagen. Betrachtet man es rein aus der wildbiologischen Brille, sollten Rehe beiderlei Geschlechts und aller Altersklassen generell lediglich von September bis Dezember bejagt werden. Ob sich ein solches aus wildbiologischer Sicht vernünftiges Konzept bei uns irgendwann realisieren lässt, bleibt fraglich, zumal selbst die eher konservativ eingestellte Jägerschaft wohl kaum auf die Bockjagd zur Blattzeit verzichten mag. Es soll aber hier kein Missverständnis aufkommen. Konservativ zu sein, also bewahrend, ist im Grunde etwas Positives. Wenn aber auch nach vielen Jahren wildbiologische Erkenntnisse nicht adäquat in die jagdliche Praxis Eingang finden, dann wird aus konservativ irgendwann starrköpfig.

Weitere Funktionen
Zu den Themen
Kommentieren Sie