Kinder auf der Jagd: Mit dabei, wenn‘s kracht?

Je nach Geduld sind Kinder schon mal beim Ansitz mit dabei. Aber: Ab wann kann man ein Kind bei Abschüssen zusehen lassen?
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Rosi-Fernglas
Selbst bei einem „Landkind“ will es wohlüberlegt sein, wann man es erstmals mit dem Anblick erlegten Wildes konfrontiert.

Jagderleben: Kann man eine grobe Altersgrenze ziehen, ab der man Kinder z.B. beim Ansitz „Zeugen“ einer Wilderlegung werden lassen kann?

Prof. Heubrock: Nein, eine feste Altersgrenze lässt sich aus fachlicher, d.h. aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht fassen. Wie so häufig kommt es immer auf den Einzelfall an. Nehmen wir ein Beispiel: Ein zehnjähriger Junge, der aus der Landwirtschaft kommt und als Treibergehilfe bei Gesellschaftsjagden mitgegangen ist, auch schon den einen oder anderen erlegten Hasen zum Streckenplatz getragen hat, bietet andere Voraussetzungen als das zwölfjährige Mädchen, das sich sehr für die Natur interessiert, selbst liebevoll ihre Meerschweinchen pflegt und für ein gestorbenes Tier ein Grab mit Kreuz im Garten anlegt. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass heutige Kinder dem Zyklus von Leben und Sterben fremder – man könnte auch sagen: entfremdeter – gegenüberstehen und empfindlicher sind.

jagderleben: Ein Kind scheint gefestigt zu sein, eine Wilderlegung mitzuerleben. Ist ein vorbereitendes Gespräch nützlich? Welche Aspekte gehören hinein?

Prof. Heubrock: Es ist unwahrscheinlich, dass ein Jäger/ eine Jägerin ein Kind ohne jede Vorbereitung mit auf die Jagd nimmt. Normalerweise äußert das Kind von sich aus den Wunsch, mitkommen zu dürfen. Dann ergibt sich das Gespräch automatisch, etwa: „Es kann aber sein, dass der Rehbock, hinter dem ich so lange her bin, heute kommt. Was machen wir dann?“ Kind: „Na, dann schießt du ihn halt“. Wichtig ist ein Gespräch nach der Erlegung. Auch bei uns erwachsenen Jägern löst die Erlegung eines Stückes Wild nicht nur Freude, sondern manchmal auch Bedauern aus. Wir dürfen deswegen auch bei Kindern nicht nur Freude, sondern vor allem „gemischte Gefühle“ erwarten. Über die reden wir offen und ehrlich mit dem Kind, auch über unsere eigenen Gefühle nach dem Erlegen.

Freiwilligkeit ist das oberste Gebot

Die erste Berührung mit dem Thema Jagd und Tod, im wahrsten Sinne des Wortes, hatten meine großen Töchter mit vier und sechs Jahren. Sie durften mit zur Wildverwertung im Rahmen der Jungjägerausbildung, standen fasziniert neben erlegten Damtieren, befühlten das weiche „Fell“ und stupsten vorsichtig mit ihren kleinen Fingern an die großen offenen „Augen“. In den Folgejahren waren sie bei vielen Jagden dabei (stets an Gehörschutz denken!). Sie liebten diese Tage mit Treibern und Hunden, das Lagerfeuer, die Jagdhornbläser und vor allem die Strecke. „Fachmännisch und ehrfurchtsvoll“ wurde jedes Stück betrachtet und befühlt.

Wenn sie mit uns alleine auf dem Ansitz waren, half neben Stulle und Trinkflasche ein kleines Spiel über das lange Sitzen hinweg. Beide Mädchen durften entscheiden, ob geschossen wird oder eben nicht. Glücklicherweise lagen alle Stücke stets im Feuer. Diese Voraussetzung soll, sofern möglich, immer gegeben sein. Beim Zerwirken hatten sie die Wahl zu helfen, und sei es nur die Taschenlampe zu halten. Beim Rupfen der Fasane waren sie um Längen besser als die Erwachsenen.

Die jüngste Jägertochter ist wie ihre Schwestern von klein auf dabei. Mit dem Holzgewehr, ihrem Schlafbär, den „Mickymäusen“ für die Ohren und Verpflegung klettert sie auf den Ansitz. Fachmännisch glast sie die Wiese ab, und obwohl sie Fuchskinder niedlich findet, gibt sie den Schuss frei. Sie weiß, was Füchse fressen und warum sie geschossen werden. Als ein Reh zum Zerwirken am Haken hing, fing sie mit ihrer Puppentasse den Schweiß auf. „Ich mache eine Blutsuppe, Mama. So wie bei Michel (aus Lönneberga)“.

Das Thema Tod gehört bei uns zum Leben dazu – mein Lieblingskinderbuch zum Thema lautet „Die besten Beerdigungen der Welt“. Die Kinder sollten aus freien Stücken entscheiden, ob sie dabei sein wollen und ob geschossen wird. Die zweite Regel gilt der Hygiene und der Suche nach Zecken. Ob unsere Kinder mal den Jagdschein machen wollen oder nicht, spielt keine Rolle. Wichtiger ist, dass eine Liebe zur Natur gesät wurde. Nathalie Bunke

jagderleben: Sind die Unterschiede, ob ein Kind in der Stadt oder z.B. auf dem Bauernhof zu Hause ist, dabei maßgeblich oder nur Klischee?

Prof. Heubrock: Nein, das ist kein Klischee. Gerade Stadtkinder kennen meist nur „Streicheltiere“, zu denen sie eine enge Beziehung aufbauen; ihnen ist nicht klar, dass Tiere auch „Nutztiere“ oder „Wildtiere“ sein können. Auf dem Lande erleben Kinder, dass Tiere für den Menschen mehrere Funktionen haben, und sie akzeptieren das als normal. Das macht Landkindern den unbefangenen Umgang mit Tieren, auch das Töten, leichter.

jagderleben: Gibt es (heute noch) in Bezug auf Mädchen und Jungen einzukalkulierende Sensibilitätsunterschiede?

Prof. Heubrock: Ja, Mädchen entwickeln im Prinzip eine tiefere Bindung zu den Tieren. Denken Sie an den Pferdesport oder an die vielen „Kuscheltiere“; für Mädchen ist der emotionale Umgang mit „ihren“ Tieren ein Probehandeln für eine spätere fürsorgliche Rolle in der Familie – auch wenn dies nicht von allen so gesehen werden will.

jagderleben: Aspekt Waffe – warum interessieren sich insbesondere Jungen dafür?

Prof. Heubrock: Genau so, wie Mädchen sich durch eine enge Bindung zu „ihrem“ Kuscheltier auf eine Rolle als Erwachsene vorbereiten, so bereiten sich Jungen durch Wettkampf- und Kampfspiele, auch durch das Spielen mit Spielzeugwaffen, auf ihre Rolle als Erwachsener vor. Wir sollten das Spielen der Jungen mit Waffen nicht als aggressive Handlungen, sondern als Probehandlungen sehen.

jagderleben: Achtet ein Waidmann ohnehin darauf, dass Wild möglichst im Knall verendet, wird er die Chance in Anwesenheit von Kindern erst recht abwägen. Sind gewisse Wildarten aber zu verschonen, weil zu „niedlich“ (z.B. Kanin) oder zu „jung“ (z.B. Herbstkitz)?

Prof. Heubrock: Ja, das „Kindchenschema“ wirkt grundsätzlich bei uns Menschen nach, das gilt übrigens nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Ich würde in Anwesenheit eines Kindes nicht das Kitz von der Ricke wegschießen, sondern beim ersten Mal eher ein alleine ziehendes Schmalreh erlegen.

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Schritt für Schritt: Revierarbeiten wecken neben Naturbeobachtungen die kindliche Neugier – und stehen so vor der aktiven Jagd.

jagderleben: Sollte man besser später allein in der Wildkammer aufbrechen? Oder das Kind wie selbstverständlich einbeziehen („Halt doch mal den Lauf“)?

Prof. Heubrock: Auch das hängt wieder vom Einzelfall ab. Ein Kind, das in der Küche schon mitgeholfen hat, ein Hähnchen oder eine Leber zuzubereiten, hat weniger Probleme als eines, das Nahrung primär als Pizza oder Hamburger kennt; ein Kind, das schon geangelt hat und die Fische ausgenommen und in der Küche mit zubereitet hat, hat ebenfalls weniger Probleme. Je selbstverständlicher wir als Erwachsene damit umgehen, umso leichter fällt es dem Kind; wenn wir selbst zu unserem Handeln stehen (können), überträgt sich das auch auf unsere Kinder.

Das Töten muss erklärbar sein

Die Frage, ab welchem Alter man Kinder mit auf die Jagd nehmen und ab wann man sie mit dem Töten eines Tieres konfrontieren könne, stellt sich z.B. in einem Jäger- oder aber auch Bauernhaushalt nicht oder kaum, da hier die Kinder wie selbstverständlich mit in die Jagd hineinwachsen und auch mit dem Töten eines Tieres schon frühzeitig konfrontiert werden. Nicht das „Wann“, sondern das „Wie“ scheint hier die wichtigere Frage zu sein.

Probleme bereitet den meisten Jägern, die sich wald- oder jagdpädagogisch engagieren, die Frage, wie und ab wann man „fremden“ – womöglich völlig naturentfremdeten – Kindern die Jagd näherbringen könnte. Ich gebe zu, dass ich gerne schon Schüler ab den ersten Klassen und später mit 16/ 17 Jahren mit hinausnehme. Ein prägendes Erlebnis mit einem etwa zehnjährigen Jungen wurde zur Richtschnur meines Vorgehens, als er nach dem dritten Ansitz anmahnte, wann denn nun endlich mal geschossen würde! Der Zeitpunkt, einmal eine Erlegung mitzuerleben, sollte also vom Kind ausgehen.

Manche Kinder/ Jugendliche hingegen sind mit dem „jägerischen Beobachten“ allein zufrieden. Man sollte sie nicht unbedingt zum „Schießerlebnis“ drängen. Wenn ich also Kinder mit auf den Hochsitz nehme, habe ich immer neben der Waffe insbesondere das Fernglas und die Kamera mit Teleobjektiv dabei. So erfahren die Kinder, dass das Beobachten fast wichtiger ist als das Erlegen und der Jäger „auch so“ Freude an den Tieren hat. Dann erläutere ich auch mittels der „griffigen“ Jägersprache das eigentliche Ansprechen, sprich „Bestimmen“. Dabei fließt sporadisch ein, dass Wildtiere gegenüber Nutztieren (Massenhaltung) – ein „glückliches“ Leben haben und in der Regel einen schlagartigen Tod ohne Angst und Stress erfahren.

Wenn man sich im Beisein von Kindern zum Schuss entschließt, sollte man erstens vorher erklären und (aufrichtig!) begründen, warum man dieses Tier der Wildbahn entnimmt, und sich zweitens seines Schusses absolut sicher sein. Denn ein Krankschießen, womöglich noch mit lautem, längeren Klagen und späterer Nachsuche könnte beim Kind einen Schock und ein Trauma auslösen.

Stadtkinder fürchten – so meine persönliche Erfahrung – nicht so sehr den Schuss und das Töten an sich, als vielmehr das in ihrem Sinne „blutrünstige“ Aufbrechen, weshalb ich dieses zu Anfang immer alleine vollziehe und sie erst später, nach dem korrekten und sauberen Ausweiden, an das erlegte Tier lasse und hierbei erkläre, warum das saubere Aufbrechen für das spätere Verwerten so wichtig ist. Erlegen, Ausweiden, pfleglicher Umgang mit dem Wildbret als Vorstufe des Verzehrens wird von Kindern fast jeden Alters verstanden und akzeptiert.

Kinder „verstehen“ jagdliches Tun und Handeln, sofern das Töten für sie einen Sinn ergibt: Ein grundloses – in ihrem Sinne „herzloses“ – Töten (von z.B. Jungfüchsen oder Elterntieren) ist – nicht nur für Kinder – ein äußerst fragwürdiges Tun. Wenn Kinder später Eltern, Freunden und Bekannten erzählen, dass „der Jäger“ den Wald, die Natur und die Tiere „liebt“, hat man als laienhafter Wald- und Jagdpädagoge alles richtig gemacht. Wolfram Martin

jagderleben: Wild kochen und gemeinsam verzehren – kann das den Sinn der Jagd verdeutlichen?

Prof. Heubrock: Aber ja, wir machen indirekt deutlich, dass wir nicht um des Tötens willen getötet haben, sondern dass wir darin einen Sinn sehen. Kinder sind für sinnhaftes Tun immer besser zu begeistern. Wir Erwachsenen müssen das auch authentisch vermitteln können.

jagderleben: Ein Kind wird womöglich unvorbereitet mit einer Wilderlegung konfrontiert. Welche Auswirkungen kann das auf die Psyche haben?

Prof. Heubrock: Ich habe das selbst erlebt, als ich nachts zu einem Wildunfall gerufen wurde und die kleine Tochter der Unfallfahrerin am Reh hockte und es streichelte, als das Stück mit gebrochenen Läufen auf der Straße lag. Es war für das Kind schlimm, als ich dem Reh den Fangschuss antrug; es wollte unbedingt, dass ich es zum Tierarzt bringe. Es kommt dann darauf an, wie man anschließend mit dem Kind redet, und das muss man nicht einmal, sondern meist zwei- und dreimal machen. Aber auch das schützt das Kind nicht davor, einmal schlecht zu träumen.

jagderleben: „Der Sohn soll einmal in meine Fußstapfen treten…“. Wie wirkt sich Zwang aus?

Prof. Heubrock: Wie bei einem Schreinersohn, der Schreiner werden soll, aber Lehrer werden möchte, auch: Das Kind wird seinen eigenen Weg schon finden.

Zur Person

Prof. Dr. Dietmar Heubrock, Dipl.-Psychologe, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtspsychologie der Universität Bremen.

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