Blattjagd: Sollte die Jagd in der Blattzeit verboten werden?

Die Blattjagd ist für viele Jäger heilig. Aber es muss erlaubt sein folgende Frage zu stellen: Ist die Blattjagd sinnvoll?
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15. Juli 2022
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Ist die Jagd in der Brunft waidgerecht und wildbiologisch zu vertreten?

An einem späten Nachmittag Mitte Juli habe ich bei drückender Schwüle eine Kanzel bezogen, um dort mal nach den Jungfüchsen zu schauen. Zu gern sucht doch Reinekes Sippschaft die frisch abgeernteten Flächen ab. Vor mir liegt ein großer Stoppelacker. Die Gerste ist runter, nebenan steht der Weizen noch.

Weit entfernt, wo die Gerstenstoppeln an ein Feldgehölz grenzen, kommt tatsächlich schon nach kurzer Zeit ein Jungfuchs aus dem Weizen und fängt an, nach Mäusen zu suchen. Kurz darauf erscheint der zweite junge Freibeuter auf den Stoppeln. Als ich noch im Rucksack nach der Hasenklage und dem Mauspfeifchen krame, tritt aus dem Feldgehölz ein Stück Rehwild aus. Zu weit zum Ansprechen, doch bevor ich das Glas hochnehme, ist schon klar, das ist ein Bock. Mit tiefem Windfang zieht er zügig auf die Stoppeln, viel zu weit, um an einen Schuss auch nur zu denken.

Also nehme ich den Blatter in Betrieb, was den Bock aber nicht im Geringsten Interessiert. Flott zieht er weiter von mir weg und verschwindet im Weizen. Es war ein vermutlich mittelalter Sechser. Ich bin keineswegs enttäuscht, denn ich hätte ihn ohnehin nicht erlegen wollen.

Ist die Blattjagd überhaupt sinnvoll?

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Bock-erlegt
Bei Jägern ist die Freude über einen reifen Brunftbock groß. Aber ist die Jagd auf diese Genträger sinnvoll?

Seit jeher übt die Lockjagd auf den liebestollen Bock einen ganz besonderen Reiz aus. Jedes Jahr widmen sich mit schöner Regelmäßigkeit unzählige Artikel in Jagdmagazinen genau diesen etwa drei Wochen der Blattzeit und beschreiben in epischer Breite, welche Blatter am besten funktionieren, wie man das mit dem Blatten anfangen muss, wann man blatten soll und wo man sich am besten ansetzen soll. Unzweifelhaft übt die Blattjagd einen ganz besonderen Reiz aus.

Heimliche Freude wird bspw. empfunden, wenn man an der Reviergrenze einen Bock vom Nachbarn ins eigene Revier locken und erlegen kann. Und es kommt zu überraschenden Begegnungen mit Böcken, die man noch nie vorher in Anblick hatte. Oft genug werden das wohl auch Böcke sein, die in dieser Zeit ihr angestammtes Revier zur weiträumigen Brautschau verlassen.

Dass ein bestimmter Bock im eigenen Revier seinen Einstand hat und dennoch außer in der Blattzeit nie gesehen wird, dürfte wohl eher die Ausnahme sein. Und genau in diesem Zusammenhang stelle ich mir schon seit Jahren die Frage, ob es aus wildbiologischer Sicht sinnvoll ist, überhaupt Böcke in der Brunft zu erlegen.

Wanderung wichtig für genetischen Austausch

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Rothirsch-Brunft
Rothirsche legen oft lange Strecken zurück, um ihre Gene auf dem Brunftplatz weiterzugeben.

Insbesondere männliche Stücke verschiedener Wildarten unternehmen vor oder während der Brunft Wanderungen. Von manchen Rothirschen ist bekannt, dass sie kilometerweite Ausflüge aus heimatlichen Gefilden unternehmen, aber auch Rehböcke überfällt in der Fortpflanzungszeit oft die Wanderlust. Aus genetischer Sicht ist das absolut sinnvoll, denn die gute Durchmischung der Gene sorgt für die genetische Basis einer möglichst breiten Anpassungsfähigkeit an wechselnde Umweltbedingungen.

Wie nachteilig sich genetische Verarmung auswirkt, muss gerade unser Rotwild insbesondere in den Bundesländern erfahren, in denen es noch Rotwildknäste (Einstandsgebiete) gibt, zwischen denen kaum Genaustausch stattfindet. Leider trägt auch die Jägerschaft zu diesem Missstand bei, da die zwischen den Einstandsgebieten wandernden Hirsche, meist jüngere oder mittelalte, oft gnadenlos erlegt werden, bevor sie ihre Gene weitertragen können.

Der fehlende oder zu geringe Genaustausch führt beim Rotwild inzwischen manchenorts zu phänotypischen Veränderungen, wie bspw. einer Verkürzung des Unterkiefers.

Selektiv jagen!

Rehbock-Springend

Rehwild ist in Deutschland nahezu flächendeckend verbreitet, lebt im Gegensatz zum Rotwild eher kleinräumig und, abgesehen von Wintersprüngen bei Feldrehen, nicht in Rudeln. Auch sind Rehe nicht in Einstandsgebiete eingesperrt. Deshalb sind durch die Bejagung in der Brunft wohl eher keine negativen Auswirkungen auf den Genpool zu befürchten.

Wird Rehwild allerdings ohne Abschussplan bejagt und wird in der Blattzeit nahezu jeder gut entwickelte Bock erlegt, könnte das anders aussehen. Insofern kann durchaus in der Brunft der eine oder andere interessante Bock im Rahmen eines Abschussplans ohne Gewissenbisse gestreckt werden. Man sollte allerdings bedenken, dass durch die intensive Jagd auf den Brunftbock der Jagddruck deutlich steigen kann, wodurch man sich das eine oder andere Stück vergrämen kann.

Für die mit Testosteron vollgestopften Böcke selbst dürfte das kein großes Problem sein, weibliches Rehwild und Jährlinge könnten möglicherweise stärker unter Stress geraten. Dazu liegen derzeit allerdings meines Wissens keine konkreten Untersuchungsergebnisse vor.

Rehbockjagd erst ab 1.September!

Wie weit es sich mit dem immer wieder betonten „ritterlichen“ Aspekt der Jagd verträgt, den liebestollen Kavalier auf 20 Meter heranzulocken, um ihm die Kugel anzutragen, muss jeder für sich entscheiden. Die Frage müsste man sich gar nicht erst stellen, wenn die Jagdzeit auf wiederkäuendes Schalenwild generell verkürzt würde und nahezu ausnahmslos erst am 1. September beginnt und am 31. Dezember endet. Bevor jetzt der laute Aufschrei ertönt, bitte erst mal gründlich darüber nachdenken, liebe Leser.

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