Anforderungen an Jagdhunde im Niederwildrevier von heute

Die Verhältnisse in Niederwildrevieren haben sich teils deutlich geändert. Welche Anforderungen stellt das an die Jagdhunde?
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Deutsch-Drahthaar-vorstehen

Jagd ohne Hund ist Schund – das gilt vor allem für die Jagd im Niederwildrevier. Während sich die Aufgaben des Jagdhundes bei der Schalenwildjagd auf das Stöbern und die Nachsuche beschränken, gibt es im gut besetzen Niederwildrevier sehr viele verschiedene Aufgaben für unsere treuen Begleiter. Vor über 20 Jahren stand ich als Jungjäger vor der Frage, was für einen Hund brauche ich für die Jagd im Niederwildrevier. Dank des „Wissens“ aus dem Jagdscheinkurs war klar, dass nur ein deutscher Vorstehhund infrage kommt. In meinen Vorstellungen sah ich mich mit meinem Hund, die Flinte in der Hand, über die Felder und entlang der Hecken streifen und Hahn, Hase und Schnepfe nachstellen. Oder abends in der Dämmerung, den Hund neben mir sitzend, auf dem Entenstrich. Ich stellte mir vor, wie mein Hund auf der Nachsuche auf den roten Bock meinen Fehler ausbügelt oder auf der Treibjagd dem kranken Hasen folgt und ihn mir nach langer Hetze apportiert.

Zuverlässiges Verlorensuchen und Apportieren ist im Niederwildrevier früher wie heute unerlässlich.
Zuverlässiges Verlorensuchen und Apportieren ist im Niederwildrevier früher wie heute unerlässlich.

Ich bin als Kind mit Golden Retrievern aufgewachsen und daher kam damals nur ein langhaariger Vorstehhund für mich infrage. Und schön musste er sein! Ja, das Aussehen spielte und spielt auch heute noch eine Rolle für mich bei der Wahl der Rasse bzw. des Hundes. Zwar steht heute Leistung an absolut erster Stelle, aber mit einem hässlichen Hund möchte ich auch nicht rumlaufen.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Meine Wahl fiel damals auf eine Kleine-Münsterländer-Hündin. Sie war tatsächlich mein täglicher Begleiter, doch meine Unerfahrenheit bei der Ausbildung und die Realität im Jagdbetrieb zeigten mir sehr schnell, dass ich sie viel weniger jagdlich einsetzen konnte, als ich erwartet hatte. Eine Nachsuche auf Schalenwild hat es zu ihren Lebzeiten nie gegeben. Der Teich für die Entenjagden fehlte im Revier, in dem ich jagen durfte und um das Niederwild war es nicht gut bestellt. Also ging es wie bei vielen Führern von Vorstehhunden auf die Drückjagden beim Forst. Wenn ich dann mal zur Treibjagd eingeladen war, fehlte es meinem Hund an Gehorsam am Rehwild. Lediglich der Apport von Federwild saß zu 100 % und so ging ich primär Krähen und Tauben jagen. Zudem wurde ich hier und dort mal zur Entenjagd eingeladen. Was mir im Niederwildrevier am schnellsten bewusst wurde: Es ist nicht die Jagd auf Hasen, Fasane oder gar Hühner, mit der man seine Zeit verbringt. Wer im Niederwildrevier jagt, der muss in erster Linie Raubwild jagen. Raubwildschärfe und Härte sind daher auch für den Hund im Niederwildrevier Pflicht.

Raubwildschärfe bedarf es im Niederwildrevier nicht nur bei Bauhunden.
Raubwildschärfe bedarf es im Niederwildrevier nicht nur bei Bauhunden.

Mein großes jagdliches Vorbild war damals mein Jagdscheinausbilder Rolf Kröger – ein Baujäger durch und durch. Mit Teckel für die Jagd unter der Erde und Deutsch Kurzhaar an der Seite. Die gesamte Ausbildung hindurch predigte er von der Wichtigkeit der Raubwildjagd und berichtete nicht ohne Stolz von den tausenden Füchsen, die er in seinem Leben mit seinen Teckeln gesprengt oder gegraben hatte. So wurde mein zweiter Hund, nachdem mein erster viel zu früh verunglückt war, ein Parson-Russell-Terrier. Mit der Hündin wollte ich nun in Rolfs Fußstapfen treten und der große Baujäger werden.

Niederwildhege zahlt sich aus

Ohne einen Baujäger zu kennen, den ich hätte regelmäßig begleiten und von dem ich hätte lernen können, startete ich mit Lotte nach dem Prinzip Versuch und Irrtum. Ohne Ahnung, ohne Bausender aber dafür mit verdammt viel Glück. Lotte und ich wurden mit der Zeit immer besser und es gab immer mehr Möglichkeiten in immer mehr Revieren. Zu Lotte kam später Bonny, eine Deutsch-Langhaar-Hündin hinzu. Auch heute bin ich der Kombination aus Vorsteh- und Bauhund treu geblieben. Und durch meinen hochintensiven Einsatz bei der Raubwildbejagung kann ich jetzt mit dem Vorstehhund so jagen, wie ich es mir vor 20 Jahren erträumt habe.

Standruhe ist Pflicht, da unruhiges Verhalten nicht nur nervt, sondern auch den Jagderfolg mindert.
Standruhe ist Pflicht, da unruhiges Verhalten nicht nur nervt, sondern auch den Jagderfolg mindert.

Seit ein paar Jahren nutze ich meine gewonnene Erfahrung und die entstandenen Revierverhältnisse auch, um anderen Hundeführern bei der Ausbildung ihrer Jagdhunde zu helfen. Außerdem bilde ich immer mal wieder einen Hund für Freunde aus. Mein Schwerpunkt liegt dabei, wie sollte es anders sein, auf den Fächern, die bei der Niederwildjagd benötigt werden. Bei dieser Gelegenheit habe ich sehr viele sehr unterschiedliche Hunde bei ihrer Arbeit beobachten können. Gepaart mit meinen Erfahrungen aus dem praktischen Jagdbetrieb hat sich mir über die Jahre gezeigt, was wirklich von einem Jagdhund im Niederwildrevier verlangt wird.

Tatsächlich spielen die Haupteigenschaften der Vorstehhunde – Suche und Vorstehen – in den meisten Revieren nur noch eine untergeordnete Rolle. Schließlich gibt es kaum noch Reviere mit reichlich Fasanen oder gar Rebhühnern. Das haben wir Jäger in erster Linie aber selbst in der Hand, denn die Raubwildbejagung ist meist unzureichend. Doch auch da, wo noch – dank intensiver Raubwildbejagung – regelmäßig auf Niederwild gejagt werden kann, findet dies meist im Rahmen von Treibjagden statt. Dabei steht dann eher das Stöbern/ Buschieren in Zwischenfrüchten oder Blühflächen als die Suche und das Vorstehen im Fokus. Was aber in nahezu allen Niederwildrevieren eine immer größere Rolle spielt, ist die Jagd aus dem Schirm – sei es bei der Krähenjagd, der Jagd auf Tauben oder bei der Lockjagd auf Gänse. Die beiden wichtigsten Eigenschaften eines Hundes im Niederwildrevier sind neben der Raubwildschärfe also der sichere Apport als Verlorenbringer und Standruhe – welche selbstverständlich auch bei der Jagd auf Schalenwild unabdingbar ist. Diese beiden Aufgaben sind im Prinzip für jeden Jagdhund unabhängig von der Rasse zu meistern. Nicht ohne Grund werden alle Rassen, Laufhunde und Schweißhunde einmal außen vor, spätestens bei den Gebrauchsprüfungen im Apport geprüft.

Deutliche Defizite im Apport

Die Realität zeigt leider, dass es unabhängig von der Rasse beim Apport zum Teil unglaubliche Defizite gibt. Dafür ist vor allem die mangelhafte Ausbildung der Hunde verantwortlich. Wer heute als unerfahrener Hundeführer nach Hilfe sucht, der trifft auf unzählige Jagdhundetrainer, die mit unterschiedlichsten Methoden die moderne Hundeausbildung „neu erfunden“ haben wollen. Dabei ist längst nicht alles schlecht, was man früher gemacht hat und vieles, was heute als modern bezeichnet wird, schon lange Standard. Was aber vor allem in der Jagdhundeausbildung fehlt, ist Ehrlichkeit. Zum einen die Ehrlichkeit der Trainer gegenüber ihren potenziellen Kunden, insbesondere in der öffentlichen Diskussion, aber auch die Ehrlichkeit der Hundeführer gegenüber sich selbst und ihren Hunden. Die realistische Wahrnehmung der eigenen Leistungen und der des eigenen Hundes lässt sehr oft so stark zu wünschen übrig, dass man sich fragt, ob man seinen eigenen Augen noch trauen kann.

Egal ob an Land oder Wasser, der Apport muss konsequent sitzen, nicht zuletzt, weil es um die Gewinnung eines hochwertigen Lebensmittels geht.
Egal ob an Land oder Wasser, der Apport muss konsequent sitzen, nicht zuletzt, weil es um die Gewinnung eines hochwertigen Lebensmittels geht.

Leider spiegelt sich dieses Bild auch regelmäßig auf Hundeprüfungen wider – sowohl aufseiten der Hundeführer als auch auf Seiten der Richter. Denn um Jagdhunde fachlich richtig bewerten zu können, muss man mit den Hunden in der Praxis auch jagen. Nur dann weiß man, worauf es ankommt. Diese mangelnde Jagdpraxis im Bereich der Niederwildjagd bei einigen Hundeführern, Richtern und auch bei Züchtern wirkt sich leider nicht nur auf die Ausbildung und Bewertung negativ aus. Auch in der Zucht werden aus meiner Sicht die Schwerpunkte massiv falsch gesetzt.

Eine der Haupteigenschaften eines Jagdhundes muss die Wesensfestigkeit sein. Es kann nicht sein, dass durch alle Rassen hindurch immer öfter Probleme mit Schussempfindlichkeit auftreten. Zudem darf es nicht sein, dass Hunde nervös fiepend oder gar schreiend am Ufer stehen und dies als Passion abgetan wird. Hunde, die vor lauter Aufregung nicht ruhig neben ihrem Führer sitzen können, haben in der Zucht nichts zu suchen. Abgeklärtheit, Ruhe und Wesensfestigkeit sind die wesentlichen Attribute eines Jagdhundes, Schärfe und Härte gehen damit meist einher. Darauf sollte sich die Zucht wieder deutlich mehr konzentrieren. Leistung ist schön, aber das Höher, Schneller, Weiter, das wir zurzeit in der Jagdhundezucht und Ausbildung sehen, schadet dem praktischen Jagdeinsatz mehr als es nutzt.

Praxiserfahrung bei der Niederwildjagd

Worauf bei der Zucht sowie bei der Wahl der Rasse wieder deutlich mehr geachtet werden muss, ist der ursprüngliche Einsatzzweck der Rasse. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen unterschiedlicher Reviere gerecht zu werden, brauchen wir auch in Zukunft die Individualität der Rassen. Es darf nicht sein, dass sich ein Parson-Russell-Terrier und ein Deutscher Jagdterrier eines Tages nur noch in der Farbe unterscheiden. Ein Deutsch Kurzhaar, ein Drahthaar und ein Langhaar müssen in der Suche auch weiterhin deutliche Unterschiede zeigen. Denn was für einen Kurzhaar gerade genug ist, ist für einen Kleinen Münsterländer gegebenenfalls zu viel des Guten. Züchter, Richter und Führer sowie deren Hunde brauchen wieder mehr Praxis bei der Niederwildjagd. Um das zu erreichen, müssen sich alle, die sich den Hunden für die Niederwildjagd verschrieben haben, auch für unser Niederwild engagieren. Da kann es dann beispielsweise nicht sein, dass Führer von Vorstehhunden Füchse für die Ausbildung und Prüfung kaufen müssen, statt sie selbst zu erjagen.

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