Alttier-Abschuss: So vermeiden Sie verwaiste Kälber

"Jung vor alt!" heißt es auf jeder Jagd. Was passiert, wenn das schiefgeht? Und wie oft trennen sich eben doch die Paare?
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Rottier mit Kalb in der Winterdecke.
Rottierkälber sind bis in den Frühling des nächsten Jahres auf das führende Alttier angewiesen.

Dr. Konstantin Börner im Gespräch mit Ulf Hettich, Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft (FAWF), über neueste Erkenntnisse und gute jagdliche Praxis bei der Rotwildjagd.

PIRSCH: Wie hoch ist die Bindung vom Alttier zum Kalb und wie oft kommt es zu Trennungen?

Ulf Hettich: Grundsätzlich besteht eine sehr enge Bindung zwischen Alttier und Kalb. Außerhalb gezielter Störungen wiesen die registrierten Trennungen geringe Distanzen auf und waren meist kurzzeitig. Es gibt jedoch individuelle Unterschiede. Bei einem Alttier und seinem Hirschkalb kam es zu etwa fünf Trennungen im Monat. Bei anderen Paaren kam dies im Mittel nur einmal im Monat vor.

PIRSCH: Was passiert wenn Kälber verwaisen?

Ulf Hettich: In einem Fall wurde im September ein Alttier überfahren, das ein Kalb zurückließ. Wir konnten es ab November präzise verfolgen. Es zeigte sich, dass das Kalb über mehrere Wochen sporadisch Anschluss an ein Kahlwildrudel bzw. zu einem einzelnen Alttier mit seinem Kalb hatte. Dabei pendelte es zwischen den beiden Verbänden. Ab Mitte Dezember blieb es bei dem Alttier und dessen leiblichem Kalb. Auffällig war dabei, dass das Kalb zu seiner Adoptivmutter eine räumlich engere Beziehung aufwies als das eigentliche Kalb und sich normal entwickelte. Letztendlich wurde es aber ebenfalls nach einem Jahr überfahren.

PIRSCH: Es wird berichtet, dass es zum Zusammenschluss verwaister Kälber kommt. Ist das zutreffend?

Ulf Hettich: Konkrete telemetrische Daten liegen mir nicht vor. Grundsätzlich halte ich es für möglich. Ich selbst konnte im Winter ein Rudel aus sechs unterdurchschnittlichen Kälbern beobachten. In dem Gebiet waren zuvor zahlreiche Alttiere erlegt worden. Ich habe auch festgestellt, dass sich Kälber kleineren Hirschrudeln anschließen. Offenbar dulden die Hirsche die Kälber eher. Ich vermute soziale Faktoren dahinter. Im Kahlwildrudel herrschen strenge Hierarchien. Dies geht soweit, dass die Kälber von Leittieren später auch dominante Stücke werden. Denkbar ist, dass eine Adoption die Chancen des eigenen Kalbes verschlechtert.

PIRSCH: Welche jagdlichen Konsequenzen ziehen Sie?

Ulf Hettich: Es zeigt sich, dass wir als Jäger bei der Bejagung von Alttieren in besonderer Verantwortung stehen. Insbesondere bei Bewegungsjagden ist die Kenntnis der Jagdorganisation entscheidend.

Bei der Drückjagdplanung ist es günstig, wenn Treiber im ersten Teil der Jagd nur am Rande der Einstände beunruhigen. So kann meist schon ein Großteil des Rotwilds auf die Läufe gebracht werden. Die Hunde sollten noch nicht geschnallt sein, allenfalls Hunde bis Dackelgröße könnten schon eingesetzt werden. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Alttiere nicht von ihren Kälbern getrennt werden. Unter dieser Voraussetzung könnten auch einzelne Alttiere freigegeben werden.

Um Schwarzwild und anderes schwer zu mobilisierendes Wild zu bejagen, kann dann im zweiten Teil einer Jagd auch im Einstand unter Hundeeinsatz getrieben werden. Durch die erhöhte Wahrscheinlichkeit der Trennung, sollten dann einzeln gehende Alttiere nicht mehr erlegt werden.

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