Wann sind Kurzwaffen auf der Jagd sinnvoll? – Das sagt ein Experte

Die Kurzwaffe ist in der Jägerschaft ein viel diskutiertes Thema. Ich habe mit einem Schießausbilder über das Werkzeug gesprochen.
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Jaeger mit Kurzwaffe und Büchse am Maisschlag.
Für die Kurzwaffe gibt es auf der Jagd verschiedene Einsatzbereiche.

Für die einen ist sie auf der Jagd überflüssig, die anderen wollen sie beim Waidwerken nicht mehr missen: die Kurzwaffe. Wie bei allen Werkzeugen kommt es auch bei der Kurzwaffe auf den Kontext an, in dem sie eingesetzt wird. Schießausbilder und Jäger Christian Bender erklärt im Interview, wo bei der modernen Jagd die Kurzwaffe ihre Berechtigung hat.

PIRSCH: Christian, viele Jäger verteufeln die Kurzwaffe. Was denkst Du über sie im jagdlichen Kontext?

Christian Bender: Die Kurzwaffe ist eine von mehreren Waffen, die dem Jäger zur Ausübung seines Waidwerkes zur Verfügung stehen. Sie ist als unterstützendes Werkzeug zu verstehen, welches zur Problemlösung in Situationen eingesetzt werden kann, wenn der Einsatz der Langwaffe als unserem Primärwerkzeug nicht möglich oder zu gefährlich ist. Somit hat sie sowohl ihre Berechtigung als auch ihre Notwendigkeit im Werkzeugkoffer von uns Jägern. Eine Ausnahme stellt hier die Fallenjagd dar, bei der meist kleinkalibrige Kurzwaffen als Werkzeug zum Einsatz kommen. Die Kurzwaffe reiht sich außerhalb der Fallenjagd also zwischen anderen Werkzeugen wie dem Jagdmesser und der Saufeder ein.

PIRSCH: Wie könnte eine Situation aussehen, in der der Einsatz der Kurzwaffe die beste Wahl wäre?

Christian Bender: In solch einer Situation ist vorher immer etwas schiefgelaufen. Beispielsweise ist es zu einem Wildunfall gekommen oder – im schlimmsten Fall – kommt es zu einer Notwehr- oder Nothilfesituation. Bleiben wir beim Wildunfall. Beim verunfallten Wild auf der Straße oder im Graben stellt der Büchsenschuss mit 4.000 Joule oder mehr Energie an der Mündung eine große Gefahr für den Jäger und das Umfeld dar. Auch der Einsatz der Blankwaffe ist vor allem bei Geweihten nicht immer gefahrlos möglich, wie jüngst der Fall des von einem Rehbock geforkelten Hundeführers zeigt. Der Schuss aus der Kurzwaffe im Nahdistanzbereich kann das Risiko durch Geschosssplitter oder Abpraller minimieren, ohne dass sich der Jäger in Gefahr begeben muss. Natürlich muss auch beim Schuss mit der Kurzwaffe der Untergrund und seine Beschaffenheit mit in Betracht gezogen werden, das Risiko durch Geschosssplitter ist jedoch bei einer Kurzwaffe stets geringer als bei einer großkalibrigen Langwaffe.

PIRSCH: Nun argumentieren Hundeführer berechtigterweise, dass ein Schuss auf Wild, an dem sich Hunde befinden, nicht möglich ist.

Christian Bender: Das ist auch vollkommen richtig. Diese Situationen sind ohnehin bereits sehr gefährlich, teilweise chaotisch und von Stress geprägt. Die Sekundärgefährdung durch ein Projektil wäre hier mit hoher Wahrscheinlichkeit vor allem für die Hunde größer. Die Blankwaffe ist in solch einer Situation das Mittel der Wahl. Wenn es die Situation jedoch erlaubt, ist aus Sicht des Tierschutzes ein aufgesetzter Schuss direkt in das Stammhirn die zu bevorzugende Lösung. Nur dieser führt den sofortigen Tod des verletzten Tieres herbei. Das generelle Abfangen mit der Blankwaffe ist heutzutage nicht mehr zeitgemäß und sollte nur als allerletztes Mittel eingesetzt werden. Hier sollte ein Umdenken in der Jägerschaft erfolgen, zum Wohl unseres Wildes.

PIRSCH: Welche Art Kurzwaffe kannst Du empfehlen?

Christian Bender: Ich habe bereits erklärt, dass für die Fallenjagd und die professionelle Nachsuche andere Parameter gelten als für den Revieralltag, zu dem auch beispielsweise Wildunfälle gehören. Moderne Schlagbolzenschlosspistolen wie die Walther PDP, Glock 19, die Heckler & Koch SFP 9 oder ähnliche Modelle sind für mich adäquate Lösungen. Große, schwere Revolver bleiben schnell im Schrank liegen und verstauben. Unsere Werkzeuge bringen uns aber nur etwas, wenn wir sie auch immer im Revier dabeihaben – genau wie Fernglas und Jagdmesser. Die meisten Modelle moderner Schlagbolzenschlosspistolen gibt es in verschiedenen Ausführungen. So ist für jede Handgröße ein passendes Modell zu bekommen. Vor allem sind sie aber viel leichter zu laden als Revolver. Anstatt mit einzelnen Patronen zu hantieren, geschieht hier die Zuführung der Patronen über ein Magazin. Die Waffe (nach) zu laden funktioniert auch mit kalten, nassen und tauben Fingern. Durch ihre leichte Bauweise und korrekt getragen, merkt man die Werkzeuge kaum an der Hüfte.

PIRSCH: Welches Zubehör benötige ich für den sicheren Umgang mit einer Kurzwaffe?

Für das sichere Führen einer Kurzwaffe wird ein Holster aus Kydex oder Hartplastik benötigt,
Für das sichere Führen einer Kurzwaffe wird ein Holster aus Kydex oder Hartplastik benötigt,

Christian Bender: Ein für die Waffe ausgelegtes Holster, ein vernünftiger Gürtel, Magazintasche und Ersatzmagazin gehören zur Standardausrüstung einer Kurzwaffe und bilden ein System. Ein Holster mit verdecktem Abzug ist die einzig sichere und verantwortungsvolle Art und Weise, eine Kurzwaffe zu führen. Weder im Rucksack noch in der Lodenmanteltasche hat eine Kurzwaffe etwas verloren. Holster sollten aus Kydex oder Hartplastik sein, da dieses Material formstabil ist und sich nicht wie Leder oder andere weiche Materialien mit der Zeit verformt. Das Holster wird am Gürtel an der Hüfte und auf der Schusshandseite getragen. Mindestens ein Ersatzmagazin ist nicht nur für das Training gut, sondern es kann auch bei der schnellen Störungsbeseitigung helfen.

PIRSCH: Wollen wir noch kurz eine Kaliberdiskussion vom Zaun brechen?

Christian Bender: Guter Punkt! Für den Revieralltag sind Mündungsenergien von 450 bis 500 Joule ausreichend. Schließlich haben wir es mit Situationen wie Wildunfällen oder ähnlichem zu tun und eben nicht mit dem annehmenden Keiler, wie oft bei Diskussionen um die Kurzwaffe eingeworfen wird. Patronen wie die 9 mm Luger haben ausreichend Energie, um auf bis zu fünf Meter den Schädelknochen unseres heimischen Wilds zu durchschlagen oder durch die Kammer ins Herz einzudringen. Die Vorteile der Patrone: so gut wie jede moderne Pistole ist standardmäßig mit ihr ausgestattet, Trainings- und Fangschussmunition ist weit verbreitet und erschwinglich, der Rückstoß ist für die meisten Anwender absolut händelbar. Wichtig ist, dass für den Fangschuss entsprechende Munition wie die Geco Action Extreme oder die Hornady Critical Duty eingesetzt wird und keine Vollmantelgeschosse. Diese haben nur auf der Schießbahn etwas verloren.

PIRSCH: Was ist Dir noch wichtig im Umgang mit der Kurzwaffe auf der Jagd?

Ob Büchse oder Kurzwaffe: die richtige Munition ist entscheidend. Links Vollmantelgeschoss für das Training, rechts jagdliches Hohlspitzgeschoss.
Ob Büchse oder Kurzwaffe: die richtige Munition ist entscheidend. Links Vollmantelgeschoss für das Training, rechts jagdliches Hohlspitzgeschoss.

Christian Bender: Das wichtigste ist das Training. Nur so erlernt man die sichere Handhabung mit der Kurzwaffe, zu der auch das banale Treffen des Ziels gehört. Schließlich hantieren wir mit den Werkzeugen oftmals in Situationen mit einem erhöhten Stresslevel. Um dem Wild aus waid- und tierschutzgerechter Sicht möglichst viele Qualen zu ersparen und niemanden zu gefährden, liegt es in unserer Verantwortung, mit unseren Waffen verantwortungsvoll und sicher umzugehen. Das gilt nicht nur für die Kurz-, sondern für alle unsere Waffen. Ein weiterer Vorteil der Ausbildung an der Kurzwaffe ist, dass wir die an ihr erlernten Prinzipien direkt auf unsere Langwaffen übertragen können. Wir werden also durch das Training an der Kurzwaffe direkt zu einem besseren Schützen mit unseren Langwaffen. Ein sehr nützlicher Nebeneffekt – schließlich ist und bleibt die Langwaffe stets unser primäres Jagdwerkzeug.

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